Tinnitus

Patienten mit Tinnitus hören Ohrgeräusche wie etwa Pfeifen, Rauschen oder Summen. Die Störung ist nicht als gefährlich einzustufen. Für manche Menschen bedeutet jedoch ein chronisch gewordener Tinnitus eine deutliche Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität. In etwa 70 % der Fälle löst sich der Tinnitus von selbst wieder auf.

Dr. Volker Kratzsch beantwortet häufige Fragen zum Thema Tinnitus - hier geht es zum Interview.

Was ist Tinnitus?

Patienten mit Tinnitus hören Ohrgeräusche wie etwa Pfeifen, Rauschen oder Summen. Die Störung ist grundsätzlich erst einmal nicht als gefährlich einzustufen. Grundsätzlich gilt, dass Tinnitus nur dann zu einer Therapie führt, wenn der Betroffene sich hierdurch beeinträchtigt fühlt. Das Geräusch als solches ist nicht gefährlich und kann - anders als vom Betroffenen häufig befürchtet - nicht zu körperlichen Schäden, z. B. einer Hörbeeinträchtigung führen. Für manche Menschen bedeutet jedoch ein chronisch gewordener Tinnitus eine deutliche Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität. Bei der überwiegenden Zahl von Tinnitus-Betroffenen verschwindet der Tinnitus auch ohne Therapie innerhalb weniger Tage, Wochen oder Monate wieder.

Wenn gleichzeitig mit dem Tinnitus ein plötzlicher Hörverlust auftritt, dessen Ursache nicht ersichtlich ist, spricht man von einem "Hörsturz". Dann sollten Sie innerhalb weniger Arbeitstage den Hausarzt oder einen HNO-Arzt aufsuchen. Bestehen die Ohrgeräusche über mehrere Wochen, sollten Sie zur Abklärung ebenfalls möglichst bald den Arzt aufsuchen.

Man unterscheidet anhand der zeitlichen Dauer den akuten und den chronischen Tinnitus. Die zeitliche Grenze scheint zwar klar festgelegt, für das diagnostische Vorgehen oder die Therapie hat die zeitliche Abgrenzung aber wenig Bedeutung:

  • akuter Tinnitus: Hier liegt der Tinnitus-Beginn weniger als drei Monate zurück. Während dieses Zeitintervalls verschwindet das Geräusch auch oft auch spontan wieder.
  • chronischer Tinnitus: Der Tinnitus ist schon länger als drei Monaten wahrnehmbar. Jetzt ist die Wahrscheinlichkeit eines Verschwindens mit und ohne Therapie deutlich geringer. Ziel der Therapie ist es jetzt, zu lernen, mit dem Tinnitus zurechtzukommen.

Symptome bei Tinnitus

Zunächst einmal muss betont werden, dass die Übersetzung des Tinnitus als Ohrgeräusch zwar der Wahrnehmung entspricht, weil für uns alle Geräusche auf das Ohr projiziert werden. Das Ohr ist aber nicht der Ort der Entstehung, sondern es handelt sich um eine Veränderung der Wahrnehmung in zentralen Abschnitten des Gehirns (u. a. zentrale Hörbahn, emotionale Bewertung und Aufmerksamkeitssteuerung im Mittelhirn). So würde der Tinnitus nicht aufhören, wenn man den Hörnerv unmittelbar nach Austritt aus dem Innenohr unterbrechen würde. Das bedeutet die Information Tinnitus kann nicht aus dem Ohr kommen, sonst müsste sie danach verschwunden sein.

Tinnitus äußert sich von Patient zu Patient unterschiedlich. Die Ohrgeräusche können beispielsweise als Piepen, Brummen, Summen oder Surren, Rauschen oder Kreischen auftreten, aber auch andere Tinnitusvarianten sind beschrieben. Die Töne sind bei manchen Menschen gleichbleibend intensiv, oder sie schwellen rhythmisch an und ab. Grundsätzlich kommt der überwiegende Teil der Patienten mit dem Tinnitus ohne therapeutische Intervention im Wesentlichen gut zurecht ("habe zwar Tinnitus, stört mich meist nicht", "habe mich daran gewöhnt", sind häufige Aussagen). Erst wenn der Tinnitus zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität führt, entsteht die Notwendigkeit einer ärztlichen und/oder therapeutischen Intervention.

Häufige Belastungsfaktoren in Zusammenhang mit Tinnitus können sein:

  • Hyperakusis
  • Schlafstörung
  • Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit
  • Schwindel
  • Schmerzen und Verspannung im Schulter-Nacken-Bereich
  • Konzentrationsstörung, Nervosität, Unruhe
  • Depressive Stimmung
  • Zukunftsängste

Solche Belastungen können beim Tinnitus-Patienten mittels standardisierter Fragebögen erfasst werden (z. B. Tinnitus Questionaire TQ; Tinnitus Handicap Inventory THI).

Mann hält sich das Ohr
© Aleksej - stock.adobe.com

Ursachen - Entstehung von Tinnitus

Tinnitus ist keine eigenständige Krankheit. Er ist vielmehr ein Symptom für unterschiedliche Störungen.
Mögliche körperliche oder seelische Ursachen können sein:

Körperliche Ursachen

  • alle Erkrankungen, die eine  Schwerhörigkeit verursachen, z. B.
    • Hörsturz
    • Otosklerose
    • chronische Lärmschädigung oder Knall-Traum
    • Morbus Menière (Schwerhörigkeit, Tinnitus, Schwindel-Attacken)
    • Alters-Schwerhörigkeit
  • seltene Ursachen
    • Funktionsstörungen der Halswirbelsäule und Schulter-Nacken-Muskulatur
    • Funktionsstörungen des Kiefergelenks
    • neurologische Erkrankungen, z. B. Akustikusschwannom

Seelische Ursachen

  • Depression
  • Angst-Erkrankungen
  • Stress-Belastung durch chronische Konflikte im beruflichen oder privaten Umfeld

Nur selten kann eine einzelne Ursache erkannt und bewiesen werden. Für die Entstehung von Tinnitus sind oft komplexe Vernetzungen ausschlaggebend, die zwischen Gehör und Gehirn bestehen. Man unterscheidet:

Subjektiven Tinnitus: Der subjektive Tinnitus kommt am häufigsten vor. Er ist ausschließlich von den Betroffenen zu hören, er lässt sich nicht für andere hörbar machen.

Objektiver Tinnitus: Objektiver Tinnitus ist extrem selten. Er entsteht durch eine messbare Schallquelle am Ohr. Mithilfe spezieller Geräte kann der Arzt die Ohrgeräusche des Patienten hörbar machen.

Untersuchungen - Diagnostik

Bei akuten Ohrgeräuschen ist Ihr HNO – Arzt erster Ansprechpartner. Er untersucht die Ohren, das gesamte Gehör und weitere Organe. Im Gespräch erhebt er die bisherige Krankheitsgeschichte. Er fragt nach dem Beginn, nach eventuellen Auslösern wie etwa Lärmbelastung oder Stress und nach Vorerkrankungen. Er wird Sie zudem die Ohrgeräusche genau beschreiben lassen.

Anschließend kommen unter anderem folgende Untersuchungen zur Anwendung:

  • Hörtest (Audiometrie)
  • Tinnitus-Matching zur Erkennung von Lautstärke und Frequenz des Geräuschs
  • Ohrmikroskopie
  • Untersuchung (Spiegelung) des Nasen-Rachen-Raums
  • Überprüfung der Hörnervenfunktion  
  • ergänzende Untersuchungen können sein: Gleichgewichtsprüfung, Prüfung auf Zahn- oder Kieferfehlstellungen, Abklärung eines Bluthochdrucks oder Veränderungen der Halswirbelsäule/Schulter-Nacken-Muskulatur
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Therapie von Tinnitus

Die Behandlung hängt stark vom Einzelfall ab. Es gibt keine generelle, eindeutig wirksame Therapie. Verschiedene Methoden kommen zum Einsatz.

Besteht ein neu aufgetretener Tinnitus (akuter Tinnitus) mit Hörverlust, so liegt häufig ein Hörsturz vor. Dann sollte möglichst innerhalb von 2 Werktagen die Untersuchung beim HNO-Arzt erfolgen. Vermutlich wird der Arzt dann die o. g. Untersuchungen vornehmen, die Therapie zunächst aber ca. 1 Woche zurückstellen. Erholt sich der Hörverlust innerhalb dieses Zeitraum nicht, sollte eine kurzzeitige (ca. 1 Woche) Kortison-Therapie durchgeführt werden. Normalisiert sich innerhalb dieses Zeitraums das Hörvermögen, verbleibt aber der Tinnitus kommt eine Kortison-Therapie nicht in Betracht, da Kortison nur das Hörvermögen beeinflussen kann. Dann wird der Arzt mit Ihnen individuell das weitere Vorgehen besprechen, eine Infusionsbehandlung ist heute aber nicht mehr indiziert. Im Übrigen wird nach der Europäischen Tinnitus-Leitlinie 2019 auch eine subjektiv deutliche Zunahme der Lautheit bei einem vorbestehenden Tinnitus ohne Hörverlust nicht mit Infusionen oder Kortison behandelt.

Wenn das Ohrensausen mehr als drei Monate andauert, sprechen die Mediziner von einem chronischen Tinnitus. Hier ist die Linderung der Symptome das primäre Therapieziel. Eine gezielte Behandlung ist schwierig. Bestimmte erlernbare Verhaltenstechniken können helfen, das subjektive unangenehme Empfinden zu verändern.

Eine starke Empfehlung spricht die Europäische Tinnitus Leitlinie 2019 für eine Tinnitus-bezogene Verhaltenstherapie aus. Der Patient soll mittels Verhaltenstherapie Strategien erlernen, mit dem anhaltenden Tinnitus besser umgehen zu können. Stress verstärkt in der Regel den Tinnitus. Daher sind auch Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder Yoga hilfreich. Wichtig ist zudem eine umfassende Aufklärung des Patienten, dass der Tinnitus nicht bedrohlich ist, insbesondere um sinnlose Therapieversuche zu vermeiden. Gerade eine unreflektierte Recherche im Internet (ca. 20 Mio. Links) kann zu einer Vielzahl sinnloser Maßnahmen sowie über eine intensivere Beschäftigung mit dem Tinnitus zu einer Beschwerdezunahme führen.

Geht der Tinnitus mit einer Hörstörung einher, sind Hörgeräte sinnvoll. In vielen Fällen nimmt der Tinnitus ab, wenn sich das Hörvermögen normalisiert.

Was Sie selbst tun können :

  • besseren Umgang mit Belastungsfaktoren erlernen
  • Entspannungsübungen erlernen
  • vom Tinnitus ablenken
  • Auslöser identifizieren
  • Rückzug vermeiden
  • Sport treiben
  • Lärm meiden

Rehabilitationsmaßnahmen bei Tinnitus

In einer Rehaklinik erhalten Tinnitus-Patienten therapeutische Maßnahmen zur Linderung und zum Umgang mit den Krankheitssymptomen.

Therapeutische Angebote können sein:

  • Verhaltenstherapeutische Psychotherapie
  • Einzel- und Gruppengespräche
  • psychoedukative Themengruppen
  • Tinnitusbewältigung
  • Angstbewältigung
  • Depressionsbewältigung
  • Selbstsicherheitstraining
  • Entspannungstraining
  • Physiotherapie
  • ergotherapeutische Angebote
  • Sozialberatung
  • Sport wie etwa Herz-Kreislauf-Training und Funktionsgymnastik

zuletzt geändert am: 31.07.2019

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