Somatoforme Störungen

Manchmal haben wir das Gefühl, als stecke ein Kloß in unserem Hals. Oft geht derartiges Unwohlsein von allein wieder vorüber. Wenn es aber längere Zeit besteht und keine organische Ursache hat, kann es sich dabei um eine somatoforme Störung handeln.

Definition und Charakteristika einer somatoformen Störung

Somatoforme Störungen sind körperliche Beschwerden, die keine organische Ursache haben. Die Symptome liegen bereits seit mehreren Monaten oder sogar Jahren vor.

Somatoforme Beschwerden sind von psychosomatischen Störungen abzugrenzen, bei denen eindeutige organische Befunde vorliegen.

Charakteristisch für die Betroffenen ist, dass sie trotz ergebnislosen medizinischen Konsultationen immer wieder neue körperliche Untersuchungen fordern. Oftmals lässt sich bei Patienten mit einer somatoformen Störung auch das sogenannte „Ärztehopping“ beobachten, das aus dem schwierigen Verhältnis zwischen Betroffenen und Behandlern resultiert: Einerseits fühlt sich der Patient vom Arzt schlecht beraten, da dieser es nicht schafft, die Beschwerden zu beseitigen. Andererseits empfindet der Doktor den Patienten als kompliziert, da sich dieser trotz negativer körperlicher Befunde oft der seelischen Ursachenforschung verweigert. Dies führt dazu, dass Patienten fortlaufend neue Ärzte aufsuchen, worauf wiederum das „Syndrom der dicken Akte“ folgt.

Formen

Somatoforme Störungen sind unter dem ICD-Code F45 klassifiziert. Bei der Erkrankung wird insbesondere zwischen folgenden Subtypen unterschieden:

Somatisierungsstörung (F 45.0)

Dies ist die schwerste Ausprägung von somatoformen Störungen. Gemäß ICD-10 werden hierbei über zwei Jahre lang mindestens sechs verschiedene, wechselnde Symptome beklagt. Die Beschwerden sind diffus, werden also im gesamten Körper wahrgenommen. Die Betroffenen leiden immens und haben mehrere Ärzte aufgesucht. Ihr berufliches und soziales Alltagsleben ist stark beeinträchtigt.

Undifferenzierte Somatisierungsstörung (F 45.1)

Hierbei handelt es sich um eine mildere Form der vorgenannten Somatisierungsstörung. Die undifferenzierte Somatisierungsstörung kann bereits nach sechsmonatiger Krankheitsdauer festgestellt werden und weist weniger sowie geringer ausgeprägte Symptome auf.

Hypochondrische Störung (F 45.2)

Bei der hypochondrischen Störung ist der Patient seit mindestens sechs Monaten davon überzeugt, schwerkrank zu sein. Dabei konzentriert er sich mehr auf diese Überzeugung als auf die Symptome selbst. Ferner gibt es die körperdysmorphe Störung, bei der sich der betroffene Patient als entstellt oder missgebildet wahrnimmt (F 45.21).

Somatoforme autonome Funktionsstörung (F 45.3)

Bei dieser Störung werden die Funktionen eines bestimmten Organsystems des vegetativen Nervensystems als fehlerhaft wahrgenommen. Betroffen sind meist

  • das Herz-Kreislauf-System,
  • das obere Verdauungssystem,
  • das untere Verdauungssystem,
  • das Atmungssystem und
  • das Urogenitalsystem.

Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F 45.40)

Hierbei bestehen schwere Schmerzen in mindestens einem Körperteil. Man unterscheidet zwischen der Schmerzstörung mit und ohne organischer Ursache. Zwar ist bei der chronischen Schmerzstörung (F 45.41), die seit über sechs Monaten besteht, ein körperlicher Verursacher auszumachen, jedoch wird der Schmerz durch seelische Belastungen als stärker empfunden.

Frau mit einer somatoformen Störung hockt vor einer Wand und hält die Hände am Kopf.
© kei907 - adobe.stock.com

Ursachen

Bisher kennt man noch keine eindeutige Ursache für die Entstehung von Somatisierungsstörungen. Man nimmt jedoch an, dass dabei biologische, psychologische, soziale und genetische Faktoren zusammenspielen.

Oftmals reichen diese bis in die Kindheit zurück: So haben die Betroffenen in jungen Jahren oft ein Ungleichgewicht zwischen Risiko- und Schutzfaktoren erfahren, bekamen bestimmte Modelle von Krankheitsbewältigung vorgelebt oder wurden Opfer von traumatisierenden Erfahrungen wie beispielsweise sexuellem Missbrauch.

Doch auch im Erwachsenenalter können diverse psychologische Konflikte dazu beitragen, dass somatoforme Störungen entstehen: Hierzu zählen etwa

  • unverarbeitete Trauer,
  • verdrängte Ängste oder
  • unterdrückte Wut.

Man geht davon aus, dass übermäßiger (seelischer) Stress zur Überlastung und Störung innerer Organe führen kann. Dadurch tritt ein Teufelskreis aus körperlicher Reaktion, daraus entstehender Angst und einer immer sensibler werdenden Wahrnehmung der eigenen Körpervorgänge in Gang.

Symptome

Die Symptome einer somatoformen Störung sind vielfältig. Oft stehen Schmerzen im Vordergrund. Je nach Form und Intensität der Störung reichen die Symptome von

  • allgemeinen Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung und Schwindel
  • über allgemeine und spezifische Schmerzen
  • bis hin zu Atembeschwerden,
  • Magen-Darm-Problemen,
  • Herz-Kreislauf-Störungen
  • sexuellen und urologischen Beschwerden
  • bis hin zu (pseudo)neurologischen Symptomen.

Darüber hinaus treten neben Somatisierungsstörungen oft auch andere psychische Störungen wie Depressionen und/oder Angststörungen auf.

Diagnose somatoformer Störungen

Um somatoforme Störungen festzustellen, wenden Ärzte häufig Simultandiagnostik an. Dabei gilt es:

  • mittels körperlicher Untersuchungen organische Ursachen für die beklagten Beschwerden auszuschließen
    und
  • die psychischen Ursprünge der Körpersymptome aufzudecken

Damit sie die psychologische Anamnese bestmöglich bewerkstelligen können, befragen Ärzte die Patienten zu ihrem Gefühls- und Gemütsleben: Bestehen zum Beispiel psychische Konflikte und/oder biografische Belastungen? Darüber hinaus können die Betroffenen zur Diagnose beitragen, indem sie einen Selbstauskunftsfragebogen ausfüllen.

Behandlung

Grundsätzlich gilt: Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist ein stabiles Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt. Insbesondere der Hausarzt nimmt für den Betroffenen eine Schlüsselrolle ein, denn er ist nicht nur Behandler, sondern auch Vermittler (zu Fachärzten und Physiotherapeuten) sowie Motivator (zur Aufnahme von Entspannungs- und/oder Sporttraining).

Die Behandlung richtet sich schließlich nach Form und Schwere der somatoformen Störung:

Leichte Symptome sind häufig bereits mittels Entspannungstechniken therapierbar. Als effektive Methoden gegen Stress gelten unter anderem

  • therapeutisches Schreiben,
  • Meditation,
  • Achtsamkeitstraining, Yoga und
  • Autogenes Training.

Damit ein Verständnis für psychosomatische Vorgänge entsteht, ist es zudem sinnvoll, dass der Arzt dem Patienten die Zusammenhänge von Psyche und Körper erläutert.

Sind die Beschwerden hartnäckiger, werden psychosomatische Medizin und Psychotherapie kombiniert. Seelische Konflikte sind aufzuspüren und in Zusammenhang mit den somatischen Störungen zu betrachten. Belastende körperliche Symptome werden durch Physiotherapie erträglicher gemacht. Nur bei besonders schwerer Symptomatik finden Medikamente Anwendung. Komplexere Fälle werden stationär in psychosomatischen Kliniken behandelt.

Es ist nicht immer möglich, sämtliche Symptome zu beseitigen. Deshalb ist es wichtig, den Betroffenen zu vermitteln, nicht jede wahrgenommene Körperfunktion gleich als Krankheitssymptom aufzufassen. Der Patient sollte ein Gefühl dafür entwickeln, dass Gesundheit nicht mit Beschwerdelosigkeit gleichzusetzen ist. Ziel ist es, die bestmögliche Lebensqualität herzustellen und zu konsolidieren

Reha nach der Behandlung

Um erwerbstätig zu bleiben beziehungsweise um (wieder) erwerbsfähig zu werden, ist im Anschluss an die Behandlung eine Reha in einer psychosomatischen Klinik möglich. Mittels dieser Maßnahme soll insbesondere die Chronifizierung von somatoformen Störungen verhindert werden.

In der Reha erfolgt meist eine multimodale, also vielfältige, Behandlung: Neben psychosomatischer Medizin, psychotherapeutischer Behandlung und Physiotherapie werden Entspannungstechniken eingesetzt.

Prävalenz und Prognose

Somatoforme Beschwerden treten häufig auf: Sie machen etwa zwanzig Prozent aller hausärztlichen Konsultationen aus. Sie sind neben Depressionen und Angststörungen die häufigsten psychischen Störungen.

Die „echte“ Somatisierungsstörung mit der stärksten Symptomatik wird selten diagnostiziert. Am Häufigsten wird indes die unspezifische Somatisierungsstörung festgestellt.

Je früher eine Somatisierungsstörung erkannt und behandelt wird, umso günstiger ist die Prognose. Mittels der sorgfältigen Kombination aus körperlicher Untersuchung, psychologischer Therapie und stressabbauenden Entspannungsverfahren können Beschwerden in vielen Fällen gemildert oder sogar beseitigt werden.

Somatoforme Störung: Je schneller erkannt, desto eher verbannt

Nicht jeder Kloß im Hals ist eine somatoforme Störung. Jedes somatoforme Symptom ist hingegen ein Indiz für psychischen Stress. Wenn es für andauerndes körperliches Unwohlsein keine organischen Ursachen gibt, ist es wahrscheinlich, dass unsere überladene Seele Alarm schlägt und Entlastung fordert. Je schneller wir dieser Forderung nachkommen, umso rascher werden sich unsere körperlichen Beschwerden bessern.

Artikel vom Expertengremium Reha lektoriert, 09.04.2020

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