Essstörungen

Die Anzahl essgestörter Personen nimmt weltweit zu und längst sind Anorexie, Bulimie und Binge Eating den meisten Menschen ein Begriff. Neben diesen dreien gibt es aber noch andere Verhaltensstörungen rund um das Essen, die oftmals schwere gesundheitliche Konsequenzen haben. Auch die Psyche leidet, denn eine Essstörung dominiert die Gedanken und Gefühle sowie die Beziehungen der Betroffenen. Der folgende Beitrag wirft Licht auf das Krankheitsbild Essstörung und seine verschiedenen Formen. Auch wird über Therapiemöglichkeiten aufgeklärt und beschrieben, wie eine Reha bei einer Essstörung aussieht.

Was ist eine Essstörung und welche Formen gibt es?

Bei Essstörungen handelt es sich um psychosomatische Erkrankungen, die sich in einem gestörten Verhältnis zum Essen und einem negativen Blick auf den eigenen Körper äußern. Im Wesentlichen unterscheidet man zwischen vier Gruppen:

  • Anorexie (Magersucht),
  • Bulimie (Ess-Brech-Sucht),
  • Binge-Eating (Esssucht) sowie der
  • Gruppe der "nicht näher bezeichneten Essstörungen".

Es sind auch Mischformen möglich. Alle Formen der Essstörung sind zwar heilbar, können ohne Behandlung aber einen problematischen Verlauf nehmen und sogar tödlich enden.

Gründe für die Entstehung einer Essstörung

Die Gründe für Essstörungen sind vielfältig:

  • individuelle Ursachen, zum Beispiel ein geringes Selbstwertgefühl, hoher Leistungsanspruch und Kontrollbedürfnis
  • familiäre Ursachen, zum Beispiel psychische Erkrankung eines Elternteils, Fehlen positiver Vorbilder bezüglich Essverhalten und Figur
  • gesellschaftliche Einflüsse, zum Beispiel das medial geprägte Schönheitsideal der westlichen Welt
  • biologische Einflüsse, zum Beispiel ein vor der Essstörung bestehendes Übergewicht aufgrund einer Hormonstörung

Magersucht

Eine Magersucht (Anorexia nervosa) äußert sich darin, dass die Erkrankten ihr Essverhalten stark einschränken und immer mehr abnehmen. Die Magersucht geht mit einer Körperschemastörung einher, also einer verzerrten Wahrnehmung des eigenen Körpers. Betroffene nehmen extrem ab, überschätzen aber ihren Körperumfang und haben häufig panische Angst davor, zuzunehmen. Es beginnt ein Teufelskreis: Schon bei wenigen Gramm mehr auf der Waage wird das Essverhalten noch strenger kontrolliert.

Darüber hinaus treiben viele der Erkrankten extrem viel Sport und verwenden häufig auch Appetitzügler oder Abführmittel. Liegt zusätzlich eine Bulimie vor, bringen sich die Betroffenen selbst zum Erbrechen, um weiter abzunehmen.

Eine Magersucht wird dann diagnostiziert, wenn das Körpergewicht mindestens 15 Prozent unter dem für Alter, Geschlecht und Größe als normal erwarteten Gewicht liegt. Bei Erwachsenen entspricht das einem BMI von unter 17,5.

Die Behandlung magersüchtiger Personen wird häufig erschwert durch die Tatsache, dass keine Krankheitseinsicht vorliegt. Grund dafür ist, dass sich die Betroffenen trotz Untergewicht als zu dick wahrnehmen und sich nicht als krank empfinden.

Doch was sind die Folgen einer Magersucht? Aufgrund des Gewichtsverlusts und der Mangelernährung sind folgende schwerwiegende körperliche Schäden möglich:

  • Ausbleiben der Menstruation aufgrund von hormonellen Störungen (sogenannte Amenorrhö)
  • Verzögerung der körperlichen Entwicklung bei Betroffenen, die noch vor der Pubertät erkranken
  • Verlangsamung des Herzschlags und niedriger Blutdruck
  • Absinken der Körpertemperatur
  • flaumartige Behaarung des Körpers (sogenannte Lanugobehaarung)
  • Muskelschwäche
  • Haarausfall
  • Hautprobleme
  • Wassereinlagerungen im Gewebe und häufig auch im Herzen (sogenannter Perikarderguss)

Betroffene, die diese Symptome bei sich feststellen, sollten sich professionelle Hilfe suchen. Das ist aber auch bereits dann ratsam, wenn sich die Gedanken nur noch ums Essen drehen und die Angst vor einer Gewichtszunahme das Leben stark beeinflusst. Magersucht ist eine ernst zu nehmende Erkrankung; circa 10 Prozent der Betroffenen sterben an ihrer Krankheit.

An einer Magersucht erkrankte Frau betrachtet sich im Spiegel. Das Spiegelbild zeigt die Frau mit Übergewicht.
© RioPatuca Images - stock.adobe.com

Bulimie

Bulimie (Bulimia nervosa) bezeichnet ein Krankheitsbild, bei dem die Betroffenen unter regelmäßigen Essanfällen leiden. Wie bei der Magersucht haben die Erkrankten extreme Angst vor dem Zunehmen und versuchen deshalb, die aufgenommene Nahrung wieder loszuwerden. Meist geschieht dies in Form von selbst herbeigeführtem Erbrechen, aber auch durch Phasen übermäßigen Hungerns, ein extremes Maß an Sport oder die Einnahme von Abführmitteln.

Die Betroffenen werden von den Gedanken an Essen und das eigene Gewicht gequält. Sie können sowohl unter-, normal- als auch übergewichtig sein, haben aber in der Regel ein sehr schlankes Körperideal. Auch die Bulimie geht in den meisten Fällen mit einer verzerrten Wahrnehmung des eigenen Körpers einher. Häufig wird sie von einer Magersucht begleitet oder ihr geht eine Phase der Magersucht voraus. Symptome der Bulimie sind

  • ein unregelmäßiges Essverhalten,
  • permanente Diäten oder
  • das Auslassen von Mahlzeiten.

Die Nahrungseinschränkung führt zu weiteren Essanfällen. Typisch ist auch ein sehr niedriges Selbstwertgefühl. Da die Betroffenen unter großen Schamgefühlen leiden, spielt sich die Bulimie meist heimlich ab und führt in vielen Fällen zur sozialen Isolation.

Die Bulimie hat neben psychischen Problemen wie Depression und Selbsthass auch körperliche Folgen:

  • Elektrolytentgleisung durch Erbrechen, den Missbrauch von Abführmitteln und Mangelernährung
  • Vergrößerung der Speicheldrüsen ("Hamsterbacken")
  • Zahnschmelzdefekte aufgrund der Magensäure
  • Verdauungsprobleme
  • Verhornungen auf dem Handrücken durch das selbst herbeigeführte Erbrechen
  • Kreislaufprobleme
  • Herzrhythmusstörungen

Binge-Eating-Störung

Bei der Binge-Eating-Störung kommt es zu Heißhungerattacken, bei denen Betroffene die Kontrolle über ihr Essverhalten verlieren. Im Gegensatz zur Bulimie verzichten sie jedoch auf Gegenmaßnahmen, was dazu führt, dass viele Betroffene übergewichtig sind beziehungsweise unter Adipositas leiden.

Im Schnitt kommt es mindestens zwei Mal in der Woche zu Essanfällen. Mindestens sechs Monate muss die Symptomatik anhalten, damit eine Binge-Eating-Störung diagnostiziert wird. Die Betroffenen ziehen sich immer weiter zurück und geraten in einen Teufelskreis aus Scham, Isolation und Essanfällen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Der Genesungsprozess bei einer Essstörung ist langwierig. Die beste Chance auf Heilung besteht, wenn die Erkrankten sich frühzeitig Hilfe suchen. Die Therapiemöglichkeiten reichen von

  • ambulanter Psychotherapie,
  • dem Aufenthalt in einer Rehaklinik oder Tagesklinik bis hin zu
  • Selbsthilfegruppen und therapeutischen Wohngruppen.

Ob eine ambulante oder stationäre Therapie sinnvoller ist, sollte immer einzelfallabhängig, in Absprache mit Ärzten und/oder Psychotherapeuten entschieden werden. Insbesondere bei der Magersucht, bei der oft eine hohe körperliche Gefährdung besteht, wird häufig zunächst eine stationäre Therapie empfohlen, auf die später eine ambulante Psychotherapie folgt. Nicht selten sind auch mehrere stationäre Aufenthalte nötig, da der Übergang von der Klinik in den Alltag häufig zu Rückfällen führt.

Essstörungen lassen sich durch eine rein medikamentöse Behandlung nicht heilen. Stattdessen ist eine Psychotherapie, gegebenenfalls begleitet von Medikamenten, die bessere Wahl. Beispielsweise kann Patienten mit Bulimie, die unter Depressionen leiden, ein Antidepressivum helfen.

Selbsthilfegruppen ermöglichen den Austausch mit anderen Betroffenen, was eine entlastende Wirkung haben kann. Den Betroffenen werden neue Wege aufgezeigt und sie profitieren von den Erfahrungen und Tipps der anderen. Die Gruppen werden häufig von Beratungsstellen für Essstörungen angeboten.

Reha bei Essstörungen: Frau sitzt mit Besteck in der Hand vor einem Teller, auf dem nur eine Erbse liegt.
© Maksymiv Iurii - stock.adobe.com

Alles rund um die Reha bei Essstörungen

In der Rehaklinik werden Betroffene von einem Team aus

  • Pflegekräften,
  • Ärzten,
  • Psychotherapeuten,
  • Sozialpädagogen,
  • Ernährungsberatern sowie
  • Physio- und Ergotherapeuten

betreut. Das stationäre Therapieprogramm wird individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst und besteht aus

  • Einzel- und Gruppentherapien,
  • Bewegungsangeboten,
  • Kunst- oder Musiktherapie sowie einer
  • therapeutischen Begleitung beim Essen.

Das geschützte Umfeld der Klinik ermöglicht es den Betroffenen, sich intensiv mit ihren Problemen zu beschäftigen und an ihnen zu arbeiten.

In der Reha werden Analysen der Ernährungsgewohnheiten durchgeführt und eine Ernährungsumstellung eingeleitet. Begleitet wird dies von medizinischen Untersuchungen sowie einer eingehenden Diagnostik und Indikationsstellung. Zusätzlich zur Psychotherapie erfolgt nach Bedarf Physio- und/oder Entspannungstherapie.

Ziel der Psychotherapie ist nicht nur, die Essstörungssymptome zu mindern, also zum Beispiel das Essverhalten und Gewicht zu normalisieren, sondern auch die zugrunde liegenden psychischen Probleme (zum Beispiel geringer Selbstwert, Depression) zu behandeln. Die therapeutische Arbeit hilft, sich über die eigenen Gefühle klar zu werden und Situationen und Gedanken zu reflektieren. Langfristig zielt sie darauf ab, Ursachen und Auslöser der Essstörung freizulegen und die Symptomatik erhaltenden Faktoren abzubauen.

Wie lange Patienten in der Reha verbleiben sollten, ist individuell zu beurteilen und hängt von

  • der Schwere und Länge der Erkrankung,
  • dem Alter des Patienten sowie
  • den Umständen im privaten Umfeld

ab. Im Anschluss an eine stationäre Behandlung kann es gerade für jugendliche Betroffene sinnvoll sein, in eine therapeutische Wohngruppe zu ziehen - insbesondere dann, wenn sie sich vom Übergang in das gewohnte, problembelastete Umfeld überfordert fühlen.

Fazit

Essstörungen gehören zu den psychischen Erkrankungen und sind mit psychischen, aber auch körperlichen Belastungen verbunden. Es sind ernsthafte Erkrankungen, deren zentraler Punkt das ständige gedankliche Beschäftigen mit dem Thema Essen ist und die unbedingt behandelt werden müssen. Die Behandlungsmöglichkeiten reichen von ambulanter Psychotherapie bis zu Aufenthalten in der Reha, die je nach genauem Krankheitsbild und Schweregrad stationär oder teilstationär durchgeführt werden kann.

Artikel vom Expertengremium Reha lektoriert, 09.12.2020

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