Psychologische Schmerztherapie

Fast 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden unter chronischem Schmerz. Also einem Schmerzbild, bei dem die Beschwerden länger als 3 Monate andauern, die Verbindung zu physischen Auslösern nicht greifbar ist oder das Schmerzerleben qualitativ und quantitativ überproportional ausgeprägt zu den diagnostisch fassbaren Schäden ist .

Für die Betroffenen ergeben sich daraus zahlreiche Einschränkungen in der Alltags- und Arbeitsbewältigung, besondere soziale und emotionale Beanspruchungen und eine stark verminderte Lebensqualität. Auch volkswirtschaftlich gesehen stellen chronische Schmerzen ein nicht unwesentliches Problem dar. Die geschätzten direkten und indirekten Gesundheitskosten für chronische Schmerzstörungen in den europäischen Mitgliedstaaten variieren zwischen zwei und drei Prozent des BIP in der EU. Für das Jahr 2016 würde diese Schätzung bis zu 441 Milliarden Euro betragen. Bis Mitte der 80er Jahren wurden chronische Schmerzen klinisch und wissenschaftlich gesehen vernachlässigt und rein medikamentös behandelt. In den letzten 25 Jahren jedoch hat die Forschung und Behandlung der chronischen Schmerzen einen Aufschwung erfahren, insbesondere werden Schmerzbilder aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven, also multimodal betrachtet.

Was ist die multimodale Schmerztherapie?

Bei der multimodalen Schmerztherapie kommen unterschiedliche Behandlungsansätze- und Methoden zum Einsatz. Neben der medizinischen Behandlung, der körperlichen Aktivierung (Physio- und Sporttherapie), Ergotherapie, Ernährungsberatung und Entspannungsverfahren spielt das Verstehen der Hintergründe des Schmerzes durch psychologische Schmerztherapie bestehend aus Psychoedukation, Psychotherapie und sozialrechtlicher Beratung, eine Rolle. Die theoretische Grundlage der multimodalen Schmerztherapie ist das Biopsychosoziale Modell. Das Modell beschreibt den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Erleben und Verarbeitung von Schmerzen und den biologischen (Überlastung, Schonung), psychischen (Ängste, Stress) und sozialen (Ausgrenzung, Konflikte, Unverständnis) Faktoren.

Was ist die psychologische Schmerztherapie?

Mit Hilfe der modernen bildgebenden Verfahren sind Schnittstellen zwischen der somatischen Schmerzwahrnehmung und den korrespondierenden emotionalen und affektiven Prozessen im Gehirn bildlich darstellbar. Damit lässt sich erklären, wie psychische Zustände und Gefühle, etwa Traurigkeit, Einsamkeit, Ängste und Hilflosigkeit, direkte Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Schmerzstärke haben. Die Wahrnehmung kann so ungünstige Verhaltensmuster begünstigen, die an der Aufrechterhaltung von Schmerzen beteiligt sein können. In der psychologischen Schmerztherapie werden diese Verhaltensmuster gemeinsam analysiert und versucht, sie zu verändern.

Menschen, die im Kreis sitzen und ihre psychischen Probleme miteinander besprechen
© Prostock-Studio / stock.adobe.com

Was ist der Zweck der psychologischen Schmerztherapie?

Ziel jeder psychologischen Schmerztherapie nach dem Biopsychosozialen Modell ist es, die negativen und einschränkenden Folgen der chronischen Schmerzen so zu verringern, dass die Lebensqualität steigt. Dazu wird das Verständnis des Patienten für die eigenen körperlichen und psychischen Prozesse mit Schmerzbeteiligung weiter entwickelt.

Das Selbstkonzept im Umgang mit Schmerzen, die Selbstwirksamkeitserwartung, das Selbstwertgefühl und das optimistisch-realistische Denken werden gestärkt.

Welche Inhalte sind für die Psychologische Schmerztherapie in der medizinischen Rehabilitation wichtig?

Zu Beginn werden dem Patienten wichtige Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung in verständlicher Form nahe gebracht. Dazu gehören zum Beispiel

  • Modelle zur Schmerzweiterleitung und -verarbeitung,
  • Zusammenhänge zwischen Schmerzen und Stress und
  • die bewusste, kognitive Beeinflussung der Schmerzwahrnehmung.

Anhand von Übungen werden Aufmerksamkeitslenkung, Schmerzbewältigung und Achtsamkeit vertieft.

Wichtige Ansätze zur Schmerzlinderung:

  • progressive Muskelentspannung
  • Visualisierung
  • autogenes Training
  • kognitive Problemlösestrategien
  • Maßnahmen zur Stressbewältigung bzw. -vermeidung
  • Gestalttherapie
  • Hypnotherapie

Ein weiterer wichtiger Inhalt ist die Auswirkung von inneren Einstellungen auf Motivation und Selbstverpflichtung (Commitment und Compliance) und damit die Wirkweise von wichtigen Komponenten der Schmerztherapie auf die Schmerzbehandlung. Viele Schmerzpatienten berichten von einer ablehnenden Haltung Medikamenten gegenüber und/oder fühlen sich von bewegungsorientierten Behandlungen überfordert. Hier kann die psychologische Schmerztherapie einen Ausgleich schaffen.

Wie wird die psychologische Schmerztherapie durchgeführt?

In der medizinischen Rehabilitation ist die Durchführung der psychologischen Schmerztherapie in Kleingruppen von 5 bis 10 Patienten empfehlenswert. Die Patienten profitieren vom Erfahrungsaustausch mit ebenfalls Betroffenen und machen die Erfahrung, mit ihrer Problematik nicht alleine zu sein. Das Klären von Fragen und Übungen ermöglichen persönlich neue Erkenntnisse, die im Einzelsetting so nicht möglich sind. Ein zeitlicher Umfang von 4 x 60 Minuten gewährleistet die Heranführung an die wichtigsten Ansätze. Dazu kommen Vorträge über Stressbewältigung und -vermeidung und Entspannungsverfahren. Die Patienten lernen Entspannungsverfahren unter professioneller Anleitung kennen. Um komplexere Problemstellungen im Zusammenhang mit Erkrankungen und Schmerzwahrnehmung anzugehen, sind psychologische Einzelgespräche möglich.

Welche ambulanten Möglichkeiten gibt es?

Möchte der Patient im Anschluss an die medizinische Rehabilitation seine Erkenntnisse und Erfahrungen mit der psychologischen Schmerztherapie vertiefen, besteht die Möglichkeit, eine ambulante psychologische Schmerztherapie im Gruppen – oder Einzelsetting in Anspruch zu nehmen. Auch Selbsthilfegruppen und Angebote von Vereinen (wie z.B. der Rheumaliga) können bei der Umsetzung hilfreich sein.

Zuletzt geändert am: 08.09.2020

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